1. Wissen über...

1.1 Begriffe: Nicht taubstumm - sondern gehörlos

Oft gibt es viele Missverständnisse, wenn hörende und gehörlose Menschen aufeinandertreffen. Gehörlose Menschen sehen sich meist nicht der Gruppe der Behinderten zugehörig sondern fühlen sich eher wie eine kulturelle und sprachliche Minderheit. Auch ist es eigentlich eine Beleidigung, wenn Hörende das Wort "taubstumm" benutzen, denn dieses Wort ist altmodisch und bedeutete ursprünglich "dumm". Besser ist es, "gehörlos" zu sagen. Die sprachliche Gemeinschaft der Gehörlosen benutzt in ihrer Kommunikation die Gebärdensprache oder auch Lautsprachbegleitende Gebärden. Hierzu muss erklärt werden, dass die Deutsche Gebärdensprache eine eigenständige Sprache ist mit eigener Grammatik, Syntax und Metax und 2002 gesetzlich als Sprache - gleich der deutschen gesprochenen Sprache - anerkannt wurde. Die lautsprachbegleitenden Gebärden sind ein Kommunikationssystem zur Erleichterung des Verstehens der gesprochenen Sprache. Die lautsprachbegleitenden Gebärden orientieren sich an der Lautsprache, so dass jedes gesprochene Wort von der entsprechenden Gebärde begleitet wird. Aber für eine vollständige Sinnerfassung ist für Gehörlose verständlicherweise die Gebärdensprache wichtig - denn jedem fällt es leichter zu verstehen, wenn er es in der eigenen Sprache erklärt bekommt.

1.2 Besonderheiten der "unsichtbaren Behinderung" - Ausspache 

      Gehörloser hat nichts mit Intelligenz zu tun

Da die Hörschädigung die sogenannte "unsichtbare Behinderung" ist, fällt sie bei der ersten Begegnung nicht auf. Ein Hörender wundert sich vielleicht, warum die Person nicht reagiert, wenn man sie anspricht. Es ist auch schon vorgekommen, dass Hörende dachten, diese Person wäre ein Ausländer oder betrunken, denn die Sprache von Gehörlosen ist für Hörende ungewöhnlich und anfangs möglicherweise nicht verständlich. Die Sprache von Gehörlosen hat jedoch nichts mit den geistigen Fähigkeiten/Intelligenz zu tun! Die Ausspache Gehörloser ist anders, weil sie ihre Stimme nicht über das Ohr kontrollieren können. Sie wissen nicht genau wie laut sie sprechen. Auch müssen Gehörlose es "auswendig" lernen, wo sich z.B. die Zunge wie am Gaumen befinden muss, damit ein "L" gesprochen werden kann. Ein Hörender kann sich das so vorstellen, wenn er beispielsweise Chinesisch lernen möchte und dafür ein Video zum Anschauen hat, aber dieses Video hat keinen Ton. Das heißt, Chinesisch zu lernen - nur mit Hilfe der Lippenbewegungung. Dies ist  eine sehr schwere Aufgabe. Vielleicht ist es so in etwa möglich, sich vorzustellen, wie schwierig es für Gehörlose ist, überhaupt die Sprache "sprechen" zu lernen. Das heißt auch, dass natürlich alle Gehörlosen lesen können, jedoch kann es bei komplizierten Texten schwierig sein, alle Worte zu verstehen. Denn die gesprochene Lautsprache ist und bleibt für Gehörlose eine Fremdsprache. Die Muttersprache Gehörloser ist die Gebärdensprache, das heißt, das Gehörlose jeden noch so komplizierten Text in Gebärdensprache übersetzt, verstehen können, aber vielleicht Schwierigkeiten haben, das geschriebene Wort einzuordnen. Hörende haben den Vorteil, dass sie diese Worte ständig um sich haben, sei es im Auto durch das Autoradio auf dem Weg zur Arbeit oder auch beim Warten auf den Bus - überall bekommen Hörende über das Ohr Informationen, so dass Gehörlose oft mit ihrem Informationsstand ein wenig hinterher sind. Alle Infos die Hörende übers Ohr "aufschnappen" müssen sich Gehörlose erlesen oder erfragen.

1.3 Kulturelle Gemeinschaft der Gehörlosen

Da die Gehörlosen als gemeinsame Sprache die Gebärdensprache haben, entwickelte sich im Laufe der Zeit auch eine gemeinsame Kultur: die Gehörlosenkultur. Gehörlose haben ihre eigenen Dichter, Gebärdensprach-poesie, gehörlose Maler, gehörlose Theatergruppen und auch Lieder die durch einen Gebärdenchor vorgetragen werden. Hörende sind oft fasziniert von der Schönheit dieser Darbietung. Gehörlose sind stolz auf ihre Sprache und ihre Gemeinschaft. Durch gegenseitige Toleranz Hörender und Gehörloser kann ein gutes gemeinsames Miteinander geschaffen werden.

1.4 Hinweise für Kollegen und Vorgesetzte von Gehörlosen

Dies gilt vor allem auch für den Arbeitsplatz:

  • Sprechen Sie einen gehörlosen Kollgen nicht von hinten an, er wird nicht reagieren.
  • Sollte Ihr Kollege in seine Arbeit vertieft sein und Sie müssen sich von hinten nähern, können Sie schauen, ob ein Lichtschalter in  der Nähe ist, den können kurz betätigen und der gehörlose Kollege wird wissen, dass jemand im Raum ist und sich herumdrehen.
  • Wenn Sie mit Ihrem gehörlosen Kollegen kommunizieren, sollten Sie sich grundsätzlich im Gesichtsfeld des Kollegen befinden.
  • Achten Sie darauf, dass Ihr Kollege Ihren Mund sehen kann, um gut von den Lippen ablesen zu können.
  • Sprechen Sie langsam und deutlich, denn normalerweise können nur ca. 30 % von den Lippen abgelesen werden (hängt vom Sprechenden ab!), ein deutliches und klares Mundbild erleichtert dies sehr.

Sollten Sie weitere Fragen haben oder Informationen benötigen, können Sie sich jederzeit an mich wenden, denn auch durch den Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern werden Missverständnisse abgebaut und eine Integration gefördert.